Belletristik | Jugendbuch

von Bruno Blume
48 S. | mit 6 ganzseitigen sw-Illustrationen von Pascale Küng
18,6 x 29,6 cm | Klappenbroschur
kwasi verlag 2016 || 20 Fr. | 19 €
ab 14 Jahren und für Erwachsene
ISBN 978-3-906183-22-0

Autor und Illustratorin

Bruno Blume ist in der Schweiz aufgewachsen. Seit 2001 sind 28 Bücher von ihm erschienen, von denen viele ausgezeichnet und übersetzt wurden. Er hat fünf Kinder und lebt – nach einigen Jahren in Italien und Deutschland – in Luzern.

Pascale Küng wurde 1988 in Glarus geboren. Sie hat Illustration Fiction an der Hochschule für Design&Kunst in Luzern studiert. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Illustratorin in Glarus. Ihre Arbeit am Timon ist ausgezeichnet worden.

Rezensionen

„Ganz schön mutig: Der Schweizer Kinder- und Jugendbuchautor Bruno Blume hat […] Adaptionen der fünf späten Tragödien für interessierte jugendliche (aber auch erwachsene) LeserInnen vorgelegt […]. Neu, anders, besonders bei Blume: An die Stelle der Akte sind innere Monologe (mit eingearbeiteten Dialogen) getreten, welche die Handlung aus wechselnden Perspektiven erzählen und interpretieren, was Blume erlaubt, zu psychologisieren oder auch die weiblichen Figuren stärker zu akzentuieren. Die Hauptstränge der Plots sind zwar bewahrt, doch anders geflochten, Komplexität und Umfang der Originale […] reduziert. “
Dr. Deborah Keller, buch&maus 1/17

Neurodiversität

Geld, Reichtum, Identität, Freundschaft, Misanthropie, Rache, Antike, Griechenland.

Ist Timon, der scheinbar naive und dann so radikale Verweigerer und Menschenhasser, nicht auch im Autistischen Spektrum?

Shakespeares Timon von Athen

Beschreibung

Dass Geld die Welt regiert, weiß Timon genau. Er ist nicht umsonst der reichste Athener Bürger. Was er aber schmerzhaft er­fahren muss: dass bei Geld jede Freundschaft aufhört. Als radikaler Antiheld kehrt er ab von jedem Glauben an Freunde, an den Menschen überhaupt.
Seine Hausverwalterin Apemanta begleitet ihn, sie warnt ihn, sie liebt ihn, sie tut alles für ihn. Seine Ideale treffen auf ihre scharfe Zunge, später auch seine Hasstiraden. Sie gibt nie klein bei, sie scheitert an ihm – und überlebt ihn.

Leseprobe

„Heute krieg ich Timon rum.“
„Du, Timandra? Haha.“
Die beiden da sind ganz andres Volk. Timons Kurtisanen und faul wie Mist. Lackieren sich die Zehennägel und sehen nicht, dass wir andern bis zum Umfallen schuften.
„Doch. Mit ’ner Massage spezial, die seinen Arsch nicht auslässt.“
„Der lässt dich nicht ran, Timandra. Weißt genau, dass wir für seine Gäste nur bestimmt sind.“
„Heute wird er schwach! Ich bin ja auch viel hübscher, jünger auch als du. Der müsste schwul sein, um mir länger widerstehn zu können.“
Ihnen zuzuhören, fehlt mir die Zeit, obwohl es amüsant wäre. Timon schwul? Sie verstehen nichts vom Leben. Die können nur das eine.
„Ist er ja vielleicht.“
„Ist er nicht, du weißt das, Phrynia. Du sagst das nur so.“
„Hm. Auf jeden Fall hat er nicht Sinn für Frauen. Keine Sinnlichkeit. Sonst hätt er nicht den Besen Apemanta eingestellt als Hausverwalterin.“
Oho, sie will sich mit mir anlegen! „Immerhin ein Besen, der gut kehrt, Ladies. Ihr verkehrt hingegen nur verkehrt. Werdet genommen hier von denen, die sonst alles nehmen, was nicht festgemacht. Werdet gestoßen von all jenen, die euch zum Anstoßnehmen dienen sollten. Und geleckt von abgestandnen Speichelleckern. Packt euch fort an eure Plätze!“

Illustrationen

 

Weitere Infos

Die Tragödie Timon von Athen wird kaum aufgeführt, weil sie viele Ungereimtheiten aufweist, sie scheint unfertig oder unsorgfältig verfasst zu sein. Das ist in dieser Neufassung behoben, vor allem mit einer neuen, aus zwei männlichen Rollen zusammengefügten Frauenrolle: der schönen, fleißi­gen und loyalen, aber auch eigensinnigen, kratzbürstigen, sturen und aufsässigen Apemanta, die bei Timon, dem Menschenfreund und reichsten Mann im antiken Athen, als Hausverwalterin angestellt ist.
Sie erkennt als einzige den ökonomisch fragilen Zustand seines Lebens­stils und macht ihn in aller Liebe darauf aufmerksam. Er aber hört nicht auf sie – sie ist ja nur eine Frau. Erst im Elend, als er über seine blinde Vorstellung von Freundschaft gestürzt ist, bemerkt er, dass nur sie zu ihm hält, um ihn weint. Er, der sich geschworen hat, alle Menschen zu hassen, kommt ins Grübeln: „Du bist gut, nur weil du eine Frau bist. Du kannst weinen. Wein du nur. Vielleicht sind Frauen anders. Sind dann Frauen keine Menschen? Das muss ich ein andres Mal erwägen.“
Für Timon, der immer auf die Karte Alles-oder-Nichts setzte, kommt dieses Aufblitzen von Einsicht zu spät.
Apemanta hat ihre Katharsis da schon durchlebt. In äußers­ter seelischer Not lässt sie von ihm ab, nicht ohne Mitleid, nicht ohne bei ihm zu bleiben bis zu seinem Tod. „Habt ihr mir vertraut? Habt ihr je mich gefragt, wie ich mich fühle? Woher ich komme? Was ich von meinem Leben noch erwarte? Ihr jammert bloß und schimpft auf alle Menschen. Doch das Geld, das hat nicht nur die andern schlecht gemacht. Was ist aus euch geworden? Habt Ihr je darauf geachtet, was um euch herum geschieht? Nicht mit, nicht ohne Geld!“
Für Apemanta gibt es eine Zukunft, sie ist der Stein des Anstoßes zu einer neuen Denkweise, der Überwindung von Krieg und sozialer Differenz – durch das Zusammengehen von Mann und Frau, von Frau und Mann.
W
ie sehr haben wir diese Denkweise übernommen, und wie weit sind wir damit gekommen?

In seiner Tragödie hält uns Shakespeare den Spiegel vor: Wie damals geht es heute noch um Geld und Reichtum, Ansehen und gesellschaftlichen Zusammenhalt – und natürlich immer um Identität.
Der Jugendbuchautor Bruno Blume erzählt das wenig bekannte Stück in erfrischend moderner und doch shake­spear‘scher Prosa neu, die junge Pascale Küng hat sechs groß­formatige Illustrationen beigetragen – eine besondere Ausgabe für alle Shakespeare-­Fans und Shakespeare-Muffel.

In dieser Reihe erschienen